The holistic me

Einmal FoW und zurück – ein Blick in eine (etwas) andere TCG-Welt

Ein kalter Herbsttag, die relativ angenehmen Tage der letzten Wochen, quasi Schonzeit vor dem kommenden Winter, scheinen endgültig vorbei zu sein. Der 20 minütige Fußmarsch zum Spiele-Store fällt zunehmend schwer, wobei mir klar ist, dass es wohl noch kühler wird…seis drum, das teuer erkaufte/ertauschte Standard-Deck will gespielt werden, dem Spieler in mir verlangt es nach der allwöchentlichen Dosis Magic. Es ist Samstag und meine Begleiterin Alexandra und ich haben uns mal wieder nicht informiert, was überhaupt im Laden ansteht und sind einfach spontan losmarschiert. Zwar wäre auch eine gemütliche Runde in trauter Zweisamkeit in den eigenen vier Wänden im Bereich des denkbaren gewesen, aber von Zeit zu Zeit wünscht man sich am anderen Ende des Tisches auch mal ein anderes Gesicht.
Wir betreten den Laden. Überraschend viel los hier. Der erste Blick auf die Tische sorgt für leichtes Erstaunen; was ist das für ein neues Spiel? Ich schau mir die Karten genauer an: als kleiner Final Fantasy-Fan erkenne ich sofort einige bekannte Gesichter und weiß um was es sich hier handeln muss.

„Ach, das gibt’s jetzt also auch als TCG?“
– Der angesprochene am Tisch blickt auf und antwortet:
„Ja, heute ist hier Pre-Release, wir zocken mit vorgefertigten Decks“

Interessiert schauen sich meine Begleiterin und ich eine Partie an. Sandra kommentiert das ganze: „Schaut ganz nett aus, find aber das Design der Karten irgendwie unspektakulär“.
Mir persönlich gefallen sie zwar auch nicht besonders, aber ich erkläre ihr, dass das wichtigste an einem TCG ja das Gameplay wäre. Obgleich ich quasi im nächsten Atemzug zugeben muss, dass Kartenspiele wie Magic ohne ansprechendes Kartendesign wohl kaum zu der Popularität gefunden hätten, die sie heute genießen…und irgendwie kommt daher auch ein nicht unerheblicher Teil der Faszination, die dieses Hobby auf einem ausübt. Da wir gerade eh beim Thema sind ergänze ich:
„Aber wenn wir schon von hübschen Kartendesigns sprechen, vielleicht gefällt dir ja das Design von diesem anderen TCG…wie hieß es noch gleich?“
Mein Blick schweift Hilfe-suchend durch den Laden. Ich muss nicht lange suchen um ein Plakat zu finden auf welchem mich große Anime-Augen anlächeln und auf dem in bunten Buchstaben „Force of Will“ geschrieben steht.
„Das da mein ich“, und zeige mit ausgestrecktem Finger auf das Plakat – „Das hab ich vor kurzem mal Interesse-halber gegoogelt und muss sagen: die geben sich augenscheinlich mega Mühe mit ihren Kartendesigns“.
Sandra betrachtet fasziniert das Plakat – sie schaut gerne Animes und kann sich scheinbar sofort mit den darauf abgebildeten quietsch-bunten Figuren identifizieren. Auch ich kann nicht leugnen, gelegentlicher Konsument diverser Mangas/Animes zu sein, jedoch würde mir derzeit nicht in den Sinn kommen, neben dem ohnehin schon kostenintensiven Magic noch mit einem weiteren TCG anzufangen.
Derweil schreitet der Veranstalter der illustren Final Fantasy-Runde an uns vorbei: es handelt sich quasi um DIE Fleisch-gewordene Institution des Ladens schlechthin (manchmal glaube ich er wohnt dort) und ebenfalls begeisterten Magic-Spieler. Ich sprech ihn an und frage:
„Hey Nick, gehst deiner großen Liebe Magic fremd?“
– Er antwortet grinsend: „Abwechslung muss sein!“
„Kennst du eigentlich Force of Will?“. Er schaut zum Plakat und haut mir lachend auf die Schulter: „Klar, spiel ich immer vier mal Maindeck!“.
Ich check den Witz nicht sofort und schau ihn irritiert an.
„Erklär ich dir später, nächste Runde FF fängt gleich an“.
Lacht und geht weiter.
Insgeheim frag ich mich, ob überhaupt irgendein anderes TCG als Magic oder Yu-Gi-Oh! das Potenzial hat, in dem Laden über einen längeren Zeitraum regelmäßig und mit einer großen Anzahl Spielern gezockt zu werden. Sandra ist derweil bereits fleißig dabei, nach Force of Will zu googeln. Verzückt hält sie mir ihr Smartphone ins Gesicht:
„Schau mal, die Karten davon sehen ja mal total Hammer aus“.
„Ja, ich weiß, wie gesagt, hatte mir das mal angeschaut. Vom Spielprinzip her soll das eine Mischung aus Magic, Pokemon, Yu-Gi-Oh! und World of Warcraft sein.“
Mal abgesehen von Magic hab ich mich allerdings für keines der aufgezählten Spiele je großartig interessiert (das bloße sammeln von Pokemon-Karten zähl ich mal nicht dazu…als Kind verschwendete damals seltsamerweise keiner einen Gedanken daran, dass man mit diesen Karten ja auch spielen konnte).

Aber genug davon, eigentlich wollten wir ja Standard spielen. Nach kurzem durchforsten des Rest des Ladens stellt sich aber heraus, dass die üblichen Magic-Verdächtigen zu sehr damit beschäftigt sind, mit Lightning dem Cloud auf die Mütze zu geben, weshalb wir uns wieder auf die Socken machen.
„Du magst doch Final Fantasy, warum hast du da nicht mitgemacht?“, fragt mich Alexandra auf dem Nachhauseweg.
„Man muss nicht jedem Trend folgen, außerdem geb ich nur ungerne Geld für etwas aus, was dann unter Umständen nur 2-3 mal gespielt wird. Force of Will kam ja auch erst im August letzten Jahres raus, dafür scheint sich ja in dem Laden auch keiner mehr zu interessieren.“
Sie erwidert: „Nun, was in einem einzigen Laden an bestimmten Tagen gespielt wird muss kein Beweis dafür sein, dass es überhaupt nicht gespielt wird….“. Ich denke nicht weiter darüber nach sondern ärgere mich eher darüber, an diesem Abend mit meinem Standard-Deck nicht zum Zug gekommen sein zu sein…

Eine Woche später scheint der Hype bei Alexandra vollkommen angekommen zu sein: sie hat sich ein komplettes Display von Force of Will, sowie ein paar hundert Karten aus alten Editionen gebraucht bei Ebay bestellt, welche sie mir triumphierend präsentiert. Leichte Skepsis macht sich bei mir breit:

„Also willst du da jetzt richtig einsteigen?“
„Ja normal!“
„Aber wir haben das doch noch nicht mal Probe gespielt, hätten zwei Einstiegsdecks nicht erst mal gereicht?“
„Habe mich bereits grob mit dem Regelwerk beschäftigt, spielt sich fast wie Magic, das passt schon!“

>Na gut< denk ich mir Stillen. >Lass ich mich halt mal darauf ein…meckern kann man hinterher immer noch<.

Also widmen wir uns beide erst einmal der spannenden Geschichte: Booster aufreißen! Wobei man sich mit dem Kartenpool kein Stück auskennt und vermutlich nicht mal checkt wenn man die „Ultrakrasse-Mega-Supa-Dupa-Rare“ zieht, nach der sich jeder halbwegs erfahrene FOW-Spieler alle 10 Finger leckt.

Ich reiße den ersten Booster auf und halte zum ersten mal eine FOW-Karte in der Hand. Was sofort auffällt: die etwas andere Haptik der Karten. Die Rückseite weist eine leicht angeraute Oberfläche auf, die man sofort spürt, wenn man die Karte in der Hand hält. Wenn die Karten sich einmal in Sleeves befinden ist das freilich egal, trotzdem macht das schon einen leicht hochwertigeren Eindruck als die glatten Rückseiten von beispielsweise Magic-Karten. Auch die schicke Kombination aus glänzendem und mattschwarzen Design der Rückseite weiß zu gefallen:

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Die Kartendesigns sind wahrlich Geschmackssache: entweder man mag die typischerweise aus Mangas und Animes bekannten japanische Comic-Stilelemente, oder eben nicht. Obwohl jeder TCG-Liebhaber unweigerlich zugeben muss, dass die Macher sich bei den Designs teilweise sehr viel Mühe gegeben haben:

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Die Raritäts-Level der Karten entsprechen im Prinzip denen von Magic, nur das sich eine Mythic hier „Super-Rare“ nennt. Ein Booster enthält gerade mal 10 Karten, dafür fällt spätestens nach den ersten 20 Boostern auf, dass der Anteil von Foils im Vergleich zu Magic wesentlich größer ist: gefühlt 2 von 3 Boostern enthält mindestens eine der schimmernden Karten, manchmal sogar zwei. Allerdings scheint die „Folierung“, anders als in Magic, bei jeder Karte dieselbe zu sein. Das gleicht sich aber wieder dadurch aus, dass es neben Foil-Karten noch eine höhere Raritätsstufe gibt: die sogenannten „Stamped“-Karten. Diese haben nicht nur ein spezielles „Fullart“-Design, sondern weisen ähnlich wie die Rückseite der Karten eine angeraute Oberfläche auf der Vorderseite auf. Diese Oberfläche ist auf jeder Stamped-Karte anders und verleiht den Karten nochmals einen hochwertigeren Eindruck. Das Glück ist Sandra holt, denn plötzlich halte ich eben genau so eine Stamped-Karte in Händen:

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Kurz darauf auch schon die nächste Stamped:

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Ich muss gestehen: das wirkt auf mich sowohl optisch als auch haptisch als das Maß der Dinge…viel mehr scheint im TCG-Bereich derzeit nicht machbar zu sein. Den Stil mag man mögen oder nicht, aber die Karten flashen.

Wie auch bei MTG gibt es Displays von einzelnen Editionen, wobei jede Edition leider gerade mal etwas mehr als 100 verschiedene Karten bietet. Das sorgt natürlich für massig doppelte, dafür kann es einem aber auch durchaus passieren, dass man mit einem einzigen Display einen Großteil der Karten eines Sets bekommt. Bei dem von uns aufgerissenen waren es sogar 95 von insgesamt 105 verschiedenen Karten.

Soviel zum Display, nun geht es darum zwei Decks zu bauen. Hierfür ist es natürlich sinnvoll, zunächst einmal die Regeln zu studieren. Glücklicherweise zeigt sich Sandra als ausreichend belesen, um mir die Grundzüge des Spiels im Schnelldurchlauf zu erläutern. Hierbei werden die offensichtlichen Parallelen zu Magic schnell klar:
Man hat einen sogenannten „Herscher“ (quasi ein Pendant zum Commander in MTG), um Zaubersprüche wirken zu können muss man „Willen“ (Mana) bezahlen, Kreaturen müssen zum angreifen „erschöpft“ (getappt) werden, Kreaturen haben einen Angriffs- und einen Verteidigungswert, alle Karten sind auf maximal 4 Exemplare begrenzt. Allerdings gibt es auch einige Unterschiede. So fasst das Hauptdeck „nur“ 40 Karten, allerdings befinden sich die Zaubersteine, welche den „Willen“ (also das Mana) erzeugen, nicht in diesem 40 Karten-Deck, sondern stattdessen in einem separaten Deck, welches in der Regel 10-20 Karten enthält. Anders als in Magic kann man in FOW nämlich in jeder Runde sicher ein Mana spielen: durch tappen des Herrschers zieht man einen Zauberstein aus dem Zaubersteindeck, welcher ungetappt ins Spiel kommt. Eine interessante Idee, denn es sorgt dafür, dass man seltener „Mana-screwed“ ist -> der Glücksfaktor, ob man auch genügend Mana nachzieht, wird verringert. Gleichzeitig ist dies auch ein strategischer Faktor, denn man kann sich entscheiden, seinen Herrscher als Kreatur ins Rennen zu schicken (genau wie der Commander in MTG), oder aber mit ihm in dieser Runde lieber ein weiteres Mana zu legen.
Die Karten selbst bestehen aus sogenannten „Resonatoren“ (dasselbe wie Kreaturen in Magic) und unterstützenden Zaubersprüchen, die entweder zu jeder Zeit oder nur im eigenen Zug gespielt werden können (quasi also Spontanzauber und Hexereien). Auch gibt es Karten die nach dem ausspielen auf dem Board liegen bleiben und dauerhafte Effekte spendieren (Verzauberungen).
Das Kampfgeschehen funktioniert ähnlich zu Magic, hat dann aber doch ein paar entscheidende Unterschiede: Zum angreifen tappt man seine Kreatur und kann sich entscheiden, ob man entweder den Gegner direkt angreift oder (anders als in Magic) direkt eine getappte gegnerische Kreatur. Ebenfalls anders als in Magic gibt es nicht nur ein Kampfsegment, sondern man kann innerhalb seines Zuges beliebig häufig mit jeweils immer einer einzelnen Kreatur angreifen. Der Gegner kann hierbei immer nur mit einer einzelnen Kreatur und somit nicht mit mehreren gleichzeitig blocken. Jeder Spieler hat 4000 Lebenspunkte, die (wer hätte es gedacht) auf Null gebracht werden müssen um das Spiel zu entscheiden.

Hier mal ein Beispiel für einen Zauberspruch, quasi das Lightning Bolt-Pendant von FOW:

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Wie bei Magic gibt es auch bei FOW insgesamt 5 „Farben“, die sich hier „Attribute“ nennen: Licht ( {W}), Feuer ( {R}), Wasser ( {U}), Wind ( {G}) und Finsternis ( {B}).

Die Decks sind gebaut, wir sind bereit zum zocken. Zunächst fühlt man sich in seine Anfangszeit von Magic zurück versetzt:
„Das kannst du nicht machen, die Karte besagt das und das!“
„Was ist mit diesem Kartentext jetzt genau gemeint?“
„Das ist ja mal voll OP!“

Ich streich das letzte, denn nach einigen Partien wird klar: „Voll OP!“ ist eigentlich keine der Karten. Vielmehr ist das Spiel überraschend gut balanced: für sehr gute Effekte muss man auch entsprechend viel Mana hinblättern und keine Karte erscheint einem als extrem overpowert.
Zudem fiel beim Deckbau auf, dass sehr viele Karten „direkte“ Synergien zu anderen Karten aufweisen. Beispielsweise ließt man häufig: „Wenn du diese Karte wirkst, durchsuche dein Deck nach Karte X“. Oder: „Diese Kreatur erhält +300/+300 wenn du Karte Y kontrollierst“. Solche speziellen Synergien, die auf ganz bestimmte andere Karten abzielen, findet man in Magic eher selten. Für Anfänger mag das praktisch sein, da einem die Synergien quasi direkt vor die Nase gehalten werden. Der Nachteil ist, dass hierdurch unter Umständen die Deckvielfalt sinkt und es insgesamt weniger Karten gibt, die im Allgemeinen für mehrere Arten von Decks verwendbar sind.

Nach ein paar Runden darf ein erstes Fazit getroffen werden: Das Spiel macht Spaß und ja, es gibt spannende Partien. Doch irgendetwas fehlt…was das genau ist lässt sich nur schwer beantworten…
Es lässt sich festhalten, dass das Spiel viel von der Konkurrenz klaut…was allerdings nicht schlecht sein muss, denn wie jeder weiß: besser gut geklaut als schlecht selbst gemacht :P! Vieles fühlt sich wunderbar vertraut, aber dann doch wieder so fern an. Der Stil…vielleicht doch etwas zu verspielt?
Somit bleibt FOW für mich eine schöne Nebenbeschäftigung für Zwischendurch, die optisch begeistert und sich auch spielerisch auf einem Top-Niveau befindet, jedoch bei mir persönlich nicht die große Faszination für Magic übertrumpfen kann.
Und: Force of Will ist teuer. Ein Display, mit 36 Boostern a 10 Karten kostet ca. 100-120€. Auch Einzelkarten, die von diversen Händlern angeboten werden oder aber bei Ebay gekauft/ersteigert werden können, sind recht teuer. In ein solch kostspieliges Vergnügen zusätzlich zu Magic einzusteigen wäre mir, wie weiter oben bereits geschrieben, zu viel des Guten.
Dennoch finde ich es durchaus schön, zwischendurch auch mal über den Tellerrand zu schauen und andere TCG-Welten zu entdecken. Für den ein oder anderen kann es sich lohnen :)!

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